Wer auf Atomwaffen setzt, setzt auf Massenmord!

Kundgebung für das weltweite Verbot der Atomwaffen am 9. 8 in Berlin

Vor 81 Jahren zerstörten die Atombombenabwürfe auf Japan zwei Städte und veränderten unzählige Leben für immer. Das Gedenken an die Opfer erinnert uns daran, warum eine Welt ohne Atomwaffen eine Utopie, sondern eine politische Notwendigkeit ist. Dies gilt insbesondere in einer Zeit, in der der Drang zu Atomwaffen einen neuen historischen Höhepunkt erreicht und das Leben auf der Erde existienziell bedroht. Aus diesem Anlass gabe es am 9. August eine gemeinsame Aktion auf dem Pariser Platz vor dem Brandenburger Tor, die von ICAN Deutschland initiiert war und an der ein sich außer der ICAN (https://www.icanw.de/) die Berliner Mahnwache für das weltweite Verbot der Atomwaffen (https://mahnwache-atomwaffenverbot.de/), die buddhistische Gemeinschaft Soka Gakkai (https://www.sokagakkai.de/) und die Initiative Streetaction4Peace (https://freeassange-berlin.de/streetaction4peace/index.htm) beteiligte. Der bewegendeste Moment der Kundgebung war für mich der Vortrag eines Augenzeugenberichts über den Einsatz der Atombombe in Hiroshima durch die junge Japanerin Kaoru Maeno. Die Aktion war ein hoffungsstiftender Beitrag für die weitere Zusammenarbeit der Bewegung gegen den Krieg und die Beendigung der atomaren Bedrohung vor Ort.

Wir dokumentieren im Folgenden die Redebeiträge:

Sebastian Niemetz (ICAN Deutschland)


Am 9. August 1945 – heute vor genau 81 Jahren – explodierte eine Atombombe über der japanischen Stadt Nagasaki. Drei Tage zuvor hatte die US-Armee eine Atombombe über Hiroshima abgeworfen und damit ein neues Zeitalter der nuklearen Massenvernichtung eingeleitet. Die Explosionen rissen Abertausende Menschen in den Tod, verstümmelten und verseuchten noch viele mehr.

Allein bis Ende des Jahres 1945 erlagen über 200.000 Menschen ihren Verletzungen oder starben an der Strahlenkrankheit. Die Auswirkungen dieser nuklearen Gewalt ziehen sich über Generationen hinweg und sind noch heute zu spüren. Frauen und Kinder sind aus biologischen Gründen besonders betroffen von radioaktiver Strahlung.

Was ist geblieben nach der atomaren Zerstörung? Nach den weltweit über zweitausend durchgeführten Atomwaffentests? Unzählige Tote und Opfer, die bis heute unter den Folgen leiden. Ganze Landstriche die zerstört, verseucht und noch immer unbewohnbar sind.

Aber geblieben ist auch: Widerstand und Hoffnung.

Aus den Ruinen von Hiroshima und Nagasaki wuchs globale Solidarität und eine Bewegung, die für eine Welt frei von Atomwaffen kämpft. Am Anfang und an der Spitze dieser Bewegung stehen die Hibakusha, die Überlebenden.

Ja, wir gedenken heute den Opfern. Aber wir erinnern auch an die Überlebenden, die mit ihren Erzählungen das Unbeschreibliche vermitteln. Die die Realität nach einem Atomschlag kennen und seitdem mahnen: Das darf sich niemals wiederholen!

Den Hibakusha und der globalen Bewegung gegen Atomwaffen ist es zu verdanken, dass 2017 nach langem Kampf der Atomwaffenverbotsvertrag der Vereinten Nationen beschlossen wurde. Er ist der erste internationale Vertrag, der Atomwaffen umfassend verbietet und delegitimiert.

Dieses Abkommen ist ein Refugium in krisengebeutelten Zeiten, denn es spendet Sicherheit und Hoffnung. Bereits 100 Staaten sind dem Verbotsvertrag beigetreten – und es werden mehr. Für uns ist klar: Auch Deutschland wird dieses Abkommen unterzeichnen müssen. Denn Hiroshima und Nagasaki mahnen.

Ine Kayser (Berliner Mahnwache für das weltweite Verbot der Atomwaffen)


Liebe Anwesende, herzlich willkommen!

Ich spreche hier für die Mahnwache für ein weltweites Verbot der Atomwaffen. 

Wir stehen hier mit unserem großen Transparent an jedem 9. des Monats, am Tag des Atombombenabwurfs auf Nagasaki, verteilen Flugblätter und versuchen, mit den Menschen ins Gespräch über das Atomwaffenverbot zu kommen.

Ich sage erstmal ertwas ganz Persönliches – das Wissen um die schrecklichen Auswirkungen von Atomwaffen und die Gewissheit, dass wir dagegen vorgehen müssen, hat mich mein Leben lang begleitet. Das hängt vielleicht damit zusammen, dass ich genauso alt bin wie die mörderischen Abwürfe der Atombomben auf Hiroschima und Nagasaki. Meine Mutter war eine politisch wache Frau und über sie haben mich die schrecklichen Bilder von Tod, andauerndem Leid und Zerstörung erreicht und erschüttert.

Jetzt, da sich nach einer Phase der Entspannung die Drohungen der Atommächte gegeneinander wieder enorm verschärfen und die Atomareale wieder gewaltig hochgerüstet werden, bekommen diese Bilder wieder eine erschreckende Aktualität. Und wir wissen, dass die jetzigen Atomwaffen um ein Vielfaches zerstörerischer sind.

Das macht Angst, besonders bei uns Älteren, die wir in Trümmern aufgewachsen sind.

Wir fragen uns im Zusammenhang mit unserer Mahnwache natürlich immer wieder, warum diese schreckliche Gefahrensituation nicht zu größerem Widerstand gegen die Politik unserer Regierungen führt, Widerstand dagegen, dass diese Regierungen die Eskalationsspirale immer höher schrauben. 

Warum gibt es so wenig Gegenaktionen?

Aus unseren Erfahrungen bei den Gesprächen ergeben sich unter anderem zwei Gründe.

Vor allem bei jüngeren Menschen wird die Gefahr oft einfach geleugnet oder heruntergespielt. Häufig ist es der Glaube, dass uns nichts passierern kann, weil wir die Stärkeren sind, der Glaube an die Abschreckung. 

Es wir ausgeblendet, dass außer durch direkten politischen Willen auch durch technische Fehler, durch menschliche Kurzschlussreaktionen oder durch eine sich verselbstständigende Eskalation, jetzt auch durch KI, die Gefahr einer atomaren Katastrophe sehr realistisch ist.

In dieser geglaubten Logik der Abschreckung müssen wir ständig versuchen, die stärkere, schnellere Seite zu sein, und das versuchen dann natürlich auch die anderen

Die Eskalationsspirale dreht sich immer schneller und das Risiko wird immer größer. Diesem Selbstbetrug, es gebe eine Sicherheit durch immer raffiniertere Atomwaffen, müssen wir mit Fakten und durch Aufkärung über die tatsächlichen Gefahren entgegentreten.

Eine andere Reaktion, die uns bei unseren Mahnwachen begegnet, und die ich sehr gut nachvollziehen kann, ist die aus Angst resultierende Verdrängung, weil die Gefahr einfach zu erschreckend ist.

Diese tiefsitzende Angst und daher Abwehr, das Schreckensszenario an sich heranzulassen, verhindert immer wieder, gemeinsam zu überlegen, welche Wege es gibt, der atomaren Bedrohung entgegenzutreten. Der Bedrohung von allem, was uns lieb ist, unser eigenes Leben, das Leben unserer Kinder und Enkel. 

Ich glaube einfach nicht, dass das alles den meisten Menschen egal ist. Wir müssen nur die Ansatzpunkte finden.

Wir alle wollen Sicherheit und wir versuchen zu vermitteln, dass es Sicherheit nur mit einem grundlegenden RICHTUNGSWECHSEL der Politik geben kann. Indem unser Land, gerade unser Land, dass zwei schreckliche Kriege zu verantworten hat, sich für Abrüstung, endlich für Verhandlungen einsetzt, die zu neuen internationalen Abrüstungsverträgen führen müssen.

Hier könnnen wir den Menschen im Gespräch einen Hoffnungsschimmer und eine Handlungsperspektive aufzeigen – dass wir gemeinsam versuchen, den gesellschaftlichen Druck aufzubauen, dass Deutschland dem ja auf UN-Ebene schon existierenden Verbot von Atomwaffen beitritt als Schritt, einem atomaren Inferno entgegenzutreten.


Gerald Seifert (Soka Gakkai)

Guten Abend!

Vielen Dank, dass ihr und sie alle heute Abend zu dieser Mahnwache anlässlich des Gedenkens der Opfer der Atombombenabwürfe von Horishima am 6.8.1945 und Nagasaki am 9.8.1945. 

Ich möchte mich bei ICAN und den Veranstalter*innen der Mahnwache Berlin bedanken, dass wir heute mit ihnen zusammen dieses Gedenken begehen. Ich möchte auch meinen tiefen Respekt vor ihrer kontinuierlichen Arbeit und Widmung zum Ausdruck bringen, jeden Neunten des Monats eine Mahnwache kontinuierlich abzuhalten.

Mein Name ist Gerald Seifert

Wie einige andere hier auch, bin ich Mitglied der buddhistischen Glaubensgemeinschaft der Soka Gakkai in Deutschland. 

Wir sind Teil einer weltweiten, gemeinschaftsbasierte buddhistische Vereinigung und Graswurzelbewegung zur Förderung von Frieden, Kultur und Erziehung, auf der Grundlage des Lotos-Sutra, dessen Basis das Glück jedes einzelnen Menschen und die Wertschätzung allen Lebens, der Respekt vor der Würde des Lebens ist. Wir glauben daran, dass jeder einzelne Mensch ein immens wertschaffendes Potenzial in sich trägt, das die Kraft besitzt, nicht nur positive Veränderung im eigenen Leben und der direkten Umgebung zu schaffen, sondern darüber hinaus auch Teil der Verwandlung des negativen Karmas der gesamten Menschheit ist.

Das Leben und seine Würde ist der wertvollste aller Schätze und muss unter allen Umständen immer weiter und immer neu wertgeschätzt, hochgehalten und verteidigt werden.

Als internationale Gemeinschaft – SGI, sind wir auch als NGO bei den vereinten Nationen vertreten und auch Bündnispartnerin von ICAN

Nicht erst seit der Deklaration für die Abschaffung von Atomwaffen des 2. Präsidenten der Soka Gakkai, Josei Toda, im Jahr 1957, sondern auch in ihrer Charta bezieht sich die Soka Gakkai ausdrücklich auf die die Abschaffung von Atomwaffen.

So hart es klingt – ist es doch pures Glück, dass es bisher zu keinem weiteren Atomwaffeneinsatz gekommen ist. 

Nicht Weisheit oder Vernunft haben uns davor geschützt – sondern Zufall. 

„Glück gehabt zu haben“ oder Zufall – ist aber keine verlässliche Strategie und schon gar kein Garant.

Solange Atomwaffen existieren, ist es keine Frage des „Ob“, sondern nur des „Wann“, dass sie erneut eingesetzt werden. Sei es durch einen Fehler, ein Missverständnis oder einen bewussten Angriff.

Eine Welt ohne Atomwaffen zu erschaffen ist ein komplexes Vorhaben – sicherlich. Aber es ist nicht utopisch. 

Es sind Menschen die diese Waffen erdenken und schaffen. Und deshalb können auch Menschen das verändern.

Daisaku Ikeda, der vor knapp drei Jahren verstorbene 3. Präsident unserer Glaubensgemeinschaft, brachte es mit folgenden Worten auf den Punkt:

Zitat: „Wenn wir die Ära des nuklearen Terrors hinter uns lassen wollen, müssen wir gegen den wahren ‚Feind‘ kämpfen. Dieser Feind ist weder die Atomwaffe an sich, noch sind es die Staaten, die sie besitzen oder entwickeln. Der wahre Feind, dem wir uns stellen müssen, sind die Denkweisen, die Atomwaffen rechtfertigen – die Bereitschaft, andere zu vernichten, wenn sie als Bedrohung oder Hindernis erscheinen.“ (Daisaku Ikeda, Peace Proposal 2010, Toward a world without nuclear weapons, https://www.daisakuikeda.org/assets/files/peace2010.pdf

Wir sind überzeugt, dass jeder Mensch die Fähigkeit in sich trägt, unbegrenztes Mitgefühl, Weisheit und Kreativität zu entwickeln, dass jeder Mensch dieses Potenzial besitzt und jederzeit öffnen– und dadurch aktiv zu einer friedvollen Veränderung beitragen, Hoffnung schaffen und Zuversicht schenken kann. Jeder einzelne Mensch ist unersetzlich wichtig bei diesem Vorhaben und kann Ausgangspunkt von großer Veränderung, im Sinne von Wertschaffung sein.

Vielen Dank für ihre Aufmerksamkeit!

Ich übergebe nun an Kaoru Maeno, die uns einen Augenzeugenbericht eines Überlebenden (Hibakusha) des Atombombenabwurfs auf HIroshima vortragen wird.

Kaoru Maeno


Mein Gedächtnisprotokoll des vorgetragenen Augenzeugenberichts von Shigeru Nonyama durch Karu Maeno

Shigeru Nonoyama – Hiroshima, 6. August 1945

Shigeru Nonoyama war 15 Jahre alt, als die Atombombe auf Hiroshima am 6.8.1945 fiel.  Er und sein Freund Hideaki waren damals beide zu Hause am Ufer des Flusses Tenma, im Delta der Stadt Hiroshima. 

Shigeru erzählte, dass er mit seinem Freund Hideaki am Fluss gewesen sei. Sie wollten schwimmen gehen. Nachdem der Fliegeralarm aufgehoben worden war, sprangen sie von einer Brücke ins Wasser. Plötzlich hörten sie Bomber. Shigeru tauchte unter – und genau in diesem Moment kam der grelle Lichtblitz.

Die Grundschule am Ufer sei auseinandergerissen worden, Menschen seien durch die Luft geschleudert worden. Das Wasser habe zu kochen begonnen. Der Druck sei so gewaltig gewesen, dass Shigeru sich unter Wasser kaum habe bewegen können. Er habe Sand und Wasser geschluckt.

Als er wieder auftauchte, sei die Sonne verschwunden gewesen. Es war stockdunkel. Er habe mitten im Fluss gestanden und überhaupt nicht verstanden, was geschehen war.

Als es wieder heller wurde, habe Shigeru beim Anblick seines Freundes Hideaki erkannt, wie schwer sie beide verletzt waren: verbrannte Haare, abgelöste Haut im Gesicht, an der Brust und an den Händen. Beide hätten schrecklich ausgesehen.

Am Ufer habe Shigeru seine Mutter gefunden. Sie war unverletzt. Seine eine Schwester hatte eine schwere offene Brustverletzung, die er notdürftig mit seiner Badehose verband. Seine andere Schwester hatte ein von Glassplittern zerfetztes Gesicht.

Überall seien Menschen aus den Trümmern gekommen und geflohen. Shigeru beschrieb Menschen mit verbrannter und abgelöster Haut, deformierten Körpern und schwersten Verletzungen. Er beschrieb, dass er die Menschen nicht mehr unterscheiden konnte. Die ganze Stadt sei ein einziges Chaos gewesen.

Besonders erschütternd sei eine Szene gewesen, als er dachte, er hätte in einer Zisterne eine Puppe gesehen, aber erkannte schnell, dass es ein totes Baby war.

Nach etwa einem Kilometer habe Shigeru nicht mehr weiterlaufen können. Seine Mutter habe ihn in einem Kartoffelfeld abgelegt. Dann habe es angefangen, große schwarze Tropfen zu regnen. Der Regen sei so stark gewesen, dass er bald fast vollständig im Wasser gelegen habe.

Sein Freund Hideaki starb an diesem Tag.

Auch danach sei das Sterben weitergegangen. Seine Schwester starb am 15. August. Andere Angehörige folgten. Bei seiner anderen Schwester seien Tage später plötzlich rote Flecken aufgetreten; sie habe über eine längere Zeit Unmengen Blut erbrochen. Trotzdem habe sie wie durch ein Wunder überlebt.

Shigeru selbst habe drei Monate zwischen Leben und Tod geschwebt. Seine Verbrennungen eiterten, Fliegen setzten sich auf die Wunden, später kamen Maden aus den Wunden. Seine Mutter habe ihn Tag und Nacht gepflegt und eine einfache Salbe aus Strohasche und Speiseöl hergestellt.

Damals habe niemand gewusst, was Radioaktivität bewirken konnte.

Menschen, die später nach Hiroshima kamen, um Angehörige zu suchen, seien krank geworden: Fieber, rote Flecken, Haarausfall, Blutungen. Viele starben, ohne zu wissen, woran. Die Toten seien auf den Reisfeldern verbrannt worden. Der Gestank verbrannter Körper habe über der ganzen Stadt gelegen.

Viele Jahre später heiratete Shigeru eine andere Hibakusha, Kimie. Auch sie hatte, wie viele Hibakusha gesellschaftliche Ächtung erleben müssen. Ihr ursprünglicher Verlobter sagte sich los von ihr aus Angst davor, eine Überlebende von Hiroshima zu heiraten. Shigeru und seine Frau Kimie bekamen trotzdem Kinder und alle waren gesund. Später wurden sie auch Großeltern.

Am Ende sprach Shigeru über seine fünf Enkel. Wenn er an sie denke, müsse er auch an seinen Freund Hideaki denken, erklärte er.

Seine Botschaft sei deshalb ganz einfach:

Niemand verdient es, von einer solchen Waffe getroffen zu werden.

Er wünsche sich eine Welt, in der Kinder und Enkelkinder immer lachen können.

Die Menschheit braucht keine Atombomben.